Probleme und Lösungen > Großprädatoren und Rewilding > Wie die Wölfe unser Leben veränderten
Alltagsleben einer Ziegenhalterin in den italienischen Alpen, Piemont.

Ich halte seit etwa 15 Jahren Ziegen hier, meine ersten Ziegen kaufte ich im Jahre 2010. Mein Mann hat schon, seit er ein Jugendlicher war, seine eigenen Ziegen. Bis im Jahre 2021 war das Weidegebiet hier wolfsfrei.
Unsere 15 bis 20 Schafe gingen den ganzen Sommer lang frei auf dem Berg. Man sah hin und wieder zum Rechten und es verlief friedlich. Die Tiere waren zufrieden, autonom und wohlernährt. Bis plötzlich, in einem schwierigen, weil sehr regnerischen Jahr, nur noch 5 von 15 (mehr oder weniger heil) übrig waren, Ende Sommer. Eines fanden wir ganz abgemagert unten im Tal mit einem gebrochenen Horn und dem anderen voller Fleischfliegenmaden zwischen Horn und Knochen. Ein anderes konnte mein Mann kaum aus einer felsigen Gegend rauslocken, wo es eine Nachbarin weit oben gesichtet hatte, mit einem kleinen frisch geborenen Lamm, welches nach wenigen Tagen schon nicht mehr bei der Mutter auffindbar war (wurde sicher gefressen). Das Mutterschaf war so verängstigt, dass er es erst nach mehreren Versuchen bis nach Hause bringen konnte. Es überlebten vom Charakter aus die fünf Scheuesten von allen. Der Rest gefressen. Wir fanden von einigen Glocke und Skelett. Ganz abgefressen von einem Bären und einem Wolfsrudel, das da oben ungehemmt gewütet hatte, ohne dass die Behörden, welche zumindest um den Bären wussten (das haben wir im Nachhinein herausgefunden), uns und den anderen Schaf- und Ziegenhaltern auch nur Bescheid gesagt hätten …
Da war es fertig mit der glücklichen Freiheit wärend der Weidesaison für unsere schönen Antrona-Schafe! Seitdem müssen wir jeden Sommer einen Transport organisieren und bezahlen und sie in die Obhut eines Freundes geben, der sie in einem anderen Tal auf einer Alp zusammen mit seiner Herde untertags hütet und nachts einsperrt. Die Höhen hier bei uns bleiben leer, man kann keine Glocke mehr hören, keine Schafe mehr auf den Pässen oder Spitzen antreffen beim Wandern.

Mit den Ziegen ging es noch ein paar Jahre gut: Sie konnten noch immer in den frischen Abend-, Nacht- und frühen Morgenstunden sich autonom schön sattfressen so dass sie in den heissen Tagesstunden brav an der Hütte ruhten bis zum Abendmelken! Das war perfekt für sie und für uns! Es erlaubte mir, untertags all die verschiedenen Arbeiten zu erledigen: das Käsen, den Gemüsegarten pflegen zuhause im Dorf, die 3 Kinder umsorgen, die Wäsche waschen und vor allem half ich immer meinem Mann bei der Heuernte, denn er ist erwerbstätig und macht unser Heu, auf den vielen kleinen unbequemen, zerstückelten Wiesen ums Dorf herum, in seiner Freizeit!

Dann, an einem 15. August, einem Nationalfeiertag hier in Italien, kam das Wolfsrudel in unsere Ziegenweidezone runter und richtete ein Massaker an. 1/10 unserer Tiere war durch den Angriff um 6 Uhr morgens auf die damals 70köpfige Herde, wo jedes einzelne Tier einen Namen trägt, weg. Tote, halblebendige und verschollene Ziegen. Die erste, die ich direkt auf dem Weg fand, war Renzina, sie war noch lebendig und sah mich hilfesuchend an, als ich kam, liegend, mit einem ganz aufgerissenen Bauch wo alle Eingeweide mehr und mehr herausrutschten. Diese erlöste mein Mann, sobald er zusammen mit unserem Sohn den Tatort erreichte, von mir benachrichtigt, von einer Nachbaralp aus, wo ich hingerannt war zum Telefonieren, weil dort das Handy Empfang hatte. Alle in den darauffolgenden Tagen aufgefundenen Kadaver waren in einem recht grossen Umkreis verstreut. Der allerschlimmste und letzte Fund (nachdem mein Mann nicht mehr suchen ging, denn es wurde ihm zu schwer evtl. noch mehr Schlimmes sehen müssen) war ein Gitzi, welches er nach ein paar Tagen aufgrund des Aasgestankes auffand. Es hatte sich, mit Bissen an Hals und Bauch (verursacht von sich in der Jagd übenden, unerfahrenen Wolfswelpen) unter einem Felsvorsprung zusammengerollt und hatte dort elendig und alleine, man weiss nicht wie lange, auf seinen, durch die Verletzungen unumgänglichen Tod warten müssen, da wir es in seinem Versteck nicht gefunden hatten, um es wenigstens zu erlösen. Sie hieß Bolly, eine junge, sehr helle, fein gezeichnete Pfauenziege, war Schön-Jollys Tochter, ein ausgewähltes Nachzucht-Gitzi im Alter von ca. 5 Monaten.

Ich musste ab diesem 15. August von einem Tag auf den anderen permanent Ziegenhirtin werden. Diesen neuen Job selbst erlernen (ist aber nie fertiggelernt). Meine allzu geliebten Ziegen nicht mehr alleine fressen lassen und ständig überwachen. Was gar nicht so einfach ist, bei bis zu 100 berggängigen, an Freiheit gewöhnten, einheimischen Ziegen und zu grossen Teilen waldigem Gelände!! Dann noch Strassen, rauschende Flüsse, Heuwiesen, Bahnlinien, Dörfer, Gärten usw. Und bei jedem Wetter.

Ich habe sie nach dem schlimmen Angriff keine einzige Nacht mehr frei draussen gelassen. Und immer müssen sie tags und in den Stunden meiner Obhut satt werden, egal wie heiss oder regnerisch oder kalt es auch ist. Es gab auch schon Schnee im November und sie konnten nur das fressen, was über die weisse Decke herausragte …, aber etwas vom Schlimmsten ist wohl die Sommerhitze, welche sie spontan immer mieden und jetzt aushalten müssen und auch dann fressen müssen, um satt zu werden.

Jeden Tag gilt meine Besorgnis ihrem Wohlbefinden, ihrem Sattwerden, keine zu verlieren und abends alle wieder im Zaun zu haben, im jeweiligen Nachtzaun irgendeine Art Dach zu haben, falls es regnet, denn Ziegen hassen es, im Regen zu stehen. Und darüber hinaus gibt es den ganzen Stress mit den 2 Herdenschutzhunden.
Alles andere, was so ansteht, muss ich in den restlichen (oft nächtlichen) Stunden erledigen!!!!

All das geht so bis Anfang Dezember, dann nehm ich mir eine Hüte-Pause, und sie müssen im Stall stehen bis im Frühling. Und wir für sie viel Stallarbeit – das meiste von Hand – leisten und Heu verfüttern. Früher kamen sie 1 bis 2 Monate später in den Stall. Wir kaufen jetzt mehr Heu!
Vorher ging es ihnen (und uns!) einfach besser! Sie wussten, wo und was fressen, wo genau auf dem Berg Schutz vor Regen, Wind, Hitze oder Kälte finden, sie gaben mehr Milch, waren gesünder, weniger gestresst, wussten, wo die beste Nahrung in jeder Jahreszeit ist und folgten ihr, wurden im Herbst, wenn trockengestellt, vom vielen Fressen rund, und ihr Fell glänzte, konnten oft bis Januar frei sein und mussten nicht schon im Dezember im Stall angebunden stehen … Ihnen ein gleich gutes Leben zu gewähren wie damals, ist unter diesen neuen Umständen nicht möglich, und darunter leide ich sehr oft!
Und da spricht jemand noch von friedlicher und möglicher Koexistenz mit Wölfen und anderen Grossraubtieren!?!?

Jeden Tag leide ich, leidet meine Familie, leiden unsere Tiere an diesem „neuen Leben“. Ein nicht gewähltes. Ein Überleben. Nur um die Ziegen nicht aufzugeben. Was heissen würde: verkaufen oder schlachten lassen, was nicht verkauft werden kann … Viele, viele Schaf- und Ziegenhalter in unserer Gegend haben schon aufgegeben. Sich all den Aufwand nicht angetan. Andere tun sich all diesen Aufwand an, und hatten trotzdem schon Angriffe und Risse.
Ich erzähle das, wärend ich im 9. Monat, schwanger mit meinem 4. Kind bin. Diese mutige Kreatur getraut sich wahrhaftig in mein jetztiges Leben (die anderen 3 kamen, als hier noch Frieden ohne Wölfe war, als ich noch nicht 2 Jobs machen musste, davon einer gratis – d.h., ohne irgendeinen Ertrag –, das Hüten!).
Wir haben keine Subventionen. Wir können uns keinen Hirten leisten, was auch sonst gar schwierig zu finden wäre, in unserem Gebiet (das nicht nur schwierig, sondern zum Teil auch gefährlich ist) und bei diesen Umständen.
Also gehe ich noch immer täglich mit meinem dicken Bauch zum Hüten und muss nur hoffen, dass die Geburt sich beizeiten vorankündigt, so dass ich noch Zeit habe, heim zu kommen. Beim vierten kann ja alles auch sehr schnell gehen!
Und mein Mann muss dann von der Arbeit frei nehmen, sobald ich ausser Gefecht bin, kann nicht bei uns zuhause die ersten Tage genießen und mir helfen, sondern wird an meiner Stelle hüten müssen, was er obendrein nicht so gern macht. Er ist nämlich, so wie ich es eigentlich auch war, ein sehr aktiver Mensch, der gern etwas zustande bringt. Hüten, da braucht es: viel Geduld, Aufmerksamkeit, Ausdauer, starke Nerven wegen dem verschiedenen Stress mit Ziegen, Leuten (Wanderer, Pilzsammler, Dorfbewohner und deren Land und Hunde) und Herdenschutzhunden, Einsamkeit ertragen, man produziert nichts, muss den Tag „verhüten“, bis alle schön satt sind. Das einzige was man nach Hause bringt, sind, wenn alles gut geht, satte Ziegen. Sonst hat man nichts getan, nichts erzeugt. Das ist gar nicht so einfach, sich damit zu beglücken, wenn man gewohnt ist, zu arbeiten, wirklich zu arbeiten!
Das ist unser Leben seit der Invasion von den Wölfen.
Wölfe sind eine Zumutung! Eigentlich eine untragbare Zumutung für Leute und Familien wie uns! Keiner wird mich davon überzeugen, dass all das normal wäre. Wölfe gehören nicht hierhin, das wussten die Alpenbewohner von früher sehr gut! Und handelten auch dementsprechend und es war erlaubt, nein, mehr, sogar belohnt!
Es ist ein moderner Quatsch, diese (hier) schädlichen Tiere unter Schutz zu stellen auf Kosten anderer (Leute wie wir, mit unseren Tieren). Ein moderner Quatsch, dass ein Zusammenleben klappen sollte. Welche Bürde will man uns denn auflegen??? Ich mute das, was ich leiste, niemandem zu. Ich bin am Durchhalten. Das ist nicht mehr Leben, das ist nur Überleben! Aber nur wenige verstehen das, die meisten können sich unser „Überleben“ gar nicht vorstellen!
Lina Leu
Geschrieben Mitte September 2026, IYRP, Internationales Jahr des Weidelandes und der Hirten
