Werbung mit „Wildnis“ – ein Beispiel aus Indien

Probleme und Lösungen > Respekt zurückerobern > Werbung mit „Wildnis“ – ein Beispiel aus Indien

Auf einer Kamelwanderung

Im November besuchten wir unsere Freunde in Sadri/Rajasthan. Sadri ist ein kleiner Ort am Fuße des Khumbhalgarh (कुम्भलगढ़) Sanctuary.

Hanwant Singh Rathore (हन्वन्त सिंह रथोरे) und Ilse Köhler-Rollefson setzen sich seit Anfang der 90er Jahre unermüdlich für die Rechte der Raika, der ansässigen Hirten, ein. Diese kümmern sich sehr liebevoll um ihre Kamelherden, aber auch um Schafe, Ziegen und Wasserbüffel.

Beide haben sich unter anderem für deren Weiderechte im Khumbhalgarh Sanctuary eingesetzt, und erfolgreich gegen ein Gesetz geklagt, das den Verkauf von Kamelmilch verbot.

Am 24.02.2019 gründeten sie die Khumbhalgarh Camel Dairy, die erste Kamelmilchmolkerei in Indien. Größte Motivation der Gründung war, den Raika eine verlässliche, faire Einkommensquelle zu bieten. Hier wird natürlich auch Käse (Salzlakenkäse, Frischkäse und Grillkäse) aus Kamelmilch (aber auch Mozzarella aus Büffelmilch) produziert. Und die Milch wird bis nach Kalkutta verschickt.

Tee mit Kamelmilch

Der Käse wird vor allem an sehr gute Traditionshotels verkauft, wie z. B. das Umaid Bhawan Palace in Jodhpur oder das Kaner Retreat zwischen Pokaran und Jaisalmer, eine nachhaltige Lodge, das Taj Lake Palace in Udaipur usw.

Auch Touristen, die sich für die Arbeit der Hirten interessieren, sind willkommen, und können sich auch direkt bei Ilse und Hanwant in Sadri (Camelcharisma) einquartieren.

Ausbaufähig wäre: Wandern mit Kamelen, in einer – noch! – schönen Natur, in den Dörfern der Umgebung. Raika beim Hüten begleiten. Eine einfache Unterkunft mieten bei Einheimischen, damit sie auch etwas vom Tourismus haben, und zwar von einem nachhaltigen Tourismus, der Hirten wertschätzt.

Ein sehr großes Problem ist, dass die Forstverwaltung Hirten nicht im Khumbhalgarh Forest weiden lässt. Dabei ist das so wichtig für die Biodiversität im Wald. Momentan müssen die Menschen dafür zahlen, dass sie überhaupt mit ihren Tieren in den Wald an vorgeschriebenen Orten weiden dürfen. Aber es ist zu wenig Platz da.

Kamele fressen auf der Wanderung

Außerhalb des Sanctuary wurde früher, wenn Felder brach lagen, geweidet, und dabei lieferten die Tiere sehr wichtigen Dünger. Die Weidebesitzer zahlten die Raika dafür oder versorgten sie mit Tee, Zucker oder Getreide. Es war ein nützliches Geben und Nehmen auf beiden Seiten.

Heute, wo viele Felder bewässert werden, fällt auch diese Option häufig weg. Es wird ganzjährig angebaut.

Statt dessen kaufen sich immer mehr Auswärtige (z. B. Bürokraten aus Delhi, die eine gute Rente haben, Investoren ) in der Gegend um Khumbalgarh ein und bauen überdimensionierte, hässliche Ferienresorts. Auch das bedeutet den Verlust von Weideland. Dann rast man im aufgemotzten Jeep zur nächsten Leopardensichtung. Die Leoparden werden gefüttert, oder man bindet gleich eine Ziege an einen Baum, und sieht amüsiert zu, wie sie getötet und gefressen wird. Man bleibt ein, zwei Tage, konsumiert, säuft, hinterlässt seinen Dreck, und das war’s dann.

Da Gier nie befriedigt werden kann, und ein Tiger noch mehr zieht, wünscht man sich jetzt Tiger. Tiger waren nie ansässig im Khumbhalgarh Forest. In manchen Reservaten dagegen hat sich die Art so stark vermehrt, dass sie inzwischen unter Platzmangel leidet. Und der Massentourismus braucht den Tiger doch auch.

Auch Kamele tragen Glocken am Hals

Wenn der Tiger wirklich nach Khumbalgarh Forest kommt (und dagegen kämpfen Hanwant und Ilse mit Unterstützung der Raika und u. a. des Maharaja von Jodhpur und auch Udaipur), dann sieht es für Hirten noch schlechter aus. Dann sterben lebendige Dörfer, in denen extensive Nutztierhaltung betrieben wird, dann gibt es keine Kulturlandschaft mehr, sondern Wildnis zum Konsumieren, sprich, noch mehr hässliche Ferienressorts, gebaut mit Geldern aus Korruption.

Die Chance auf ein Gegengewicht mit nachhaltigem Tourismus, wo man Hirten kennen lernt und wertschätzt, ihren Alltag teilen darf, ihre Produkte kaufen kann und sie damit unterstützt, wäre dann unwiederbringlich verloren. Wenn die Raika aufgeben würden, ginge auch ein riesiges Potential (die Wolle hatten wir z. B. noch gar nicht erwähnt, oder Kamelmilchkosmetik …) an nachhaltigen, alternativen Einkommensmöglichkeiten verloren, und ein soziales Netz, mit seiner ganzen Kultur, und Handwerk. Die Menschen würden einen Teil ihrer Identität verlieren.

Darum muss man die Wildniswerbung immer wieder hinterfragen und sehr kritisch sehen. Evtl. meint sie es nicht gut mit uns, sondern ist nur eine Geschäftsidee.

Daniela Vyas (व्यास)

Bücher von Ilse Köhler-Rollefson:

Video mit Ilse Köhler-Rollefson:

Externe Links: