Eine romantische Hütte ohne Strom

Unsere Freuden > Eine romantische Hütte ohne Strom

Mein erster Alpsommer war auf einer Ziegenalp mit Rindern. In der Schweiz bezeichnet man als Rinder die Färsen, also die weiblichen Jungrinder, die noch nicht gekalbt haben und deshalb nicht gemolken werden. Ein paar Mutterkühe mit Kälbern waren auch dabei.

Morgens verlassen die Geißen den Stall und ziehen in die Bergnatur

Wir waren über eine Stunde Fußmarsch von allen Straßen entfernt. Die Hütte war einfach gestaltet. Wir hatten dort keine Elektrizität. Wir molken die Ziegen im Stall von Hand. Der Käse wurde auf Gas gebrannt.

Die Ziegen liefen frei in den Bergen herum, damals noch ohne Bedrohung durch Wölfe. Und ich war der Rinderhirt. Ich baute auch die Weidezäune auf und ab. Das Zaungerät hatte Solarzellen, um den Zaun zu einem Elektrozaun zu machen.

Meine Mitälpler machten sehr guten Ziegenkäse, von dem wir natürlich auch selber etwas aßen.

Außerdem hatten wir Hühner und einen Alpgarten zur Selbstversorgung. So hatten wir neben Milch, Käse und Joghurt auch Eier, Salat, Meerrettich, Estragon und anderes aus Eigenproduktion. Brennnesseln konnten wir wild ernten.

Das war also ein sehr reiches Leben. Natürlich gab es darüber hinaus anderes Essen aus dem Tal. Butter bekamen wir von der benachbarten Kuhalp.

Für die Verwertung der Molke hatten wir drei Schweine, die im Grasland herumtollten und große Lebensfreude vermittelten.

Einer Freundin im Norden Deutschlands schrieb ich im Geburtstagsbrief einiges über das dortige Leben. Sie schrieb zurück und äußerte ihren Eindruck, einen Brief von einem sehr glücklichen Menschen bekommen zu haben.

Insgesamt war es eine Lebensweise, die mich in ihren Bann zog. Als sich nach gut dreieinhalb Monaten der Alpsommer dem Ende zuneigte, wollte ich nicht wahr haben, dass diese wunderschöne Zeit zu Ende ging.

Zurück in der Stadt hatte ich anfangs einen Kulturschock. Der Sommer hatte mich verändert. Es kam, wie es kommen musste: Meinen zweiten Alpsommer verbrachte ich auf derselben Alp.

Nur für das Foto melke ich draußen, sonst fand das Melken im Stall statt

Diesmal wurden die Rinder von der benachbarten Kuhalp aus betreut, oblagen also nicht uns. Ich war genau wie meine Mitälplerinnen für Ziegen und Milchverarbeitung zuständig. Und ich muss sagen, mein Herz schlägt ganz besonders für Ziegen.

Wir hatten gelegentlich gute Kontakte zu Jägern. So bekamen wir einmal ein Murmeltier geschenkt, das wir verspeisten.

Border Collie zwischen den Kühen der Nachbaralp

In der zweiten Sommerhälfte hatten wir eine Border-Collie-Hündin, die, wenn die Kühe der Nachbaralp um unsere Hütte weideten, verstand, die Ziegen durch die Kuhherde zu treiben und die Kühe zu ignorieren. Das war besonders insofern bemerkenswert, da sie im Sommer vorher auf der Nachbaralp gewesen war und eben genau diese Kühe hatte treiben müssen.

Auch der zweite Alpsommer ging zu Ende. Und ich musste mich damit abfinden, dass es ein Leben nach der Alp gab.

Nun war ich vom Alpleben infiziert. Es blieb zwar auf jener Alp bei zwei Alpsommern. Aber etliche andere Ziegen- und Kuhalpen wurden für eine Weile – bis zu drei Sommern – meine Heimat. Keine andere Alp, auf der ich war, war so einfach ausgestattet wie meine erste. Manchmal schenkten uns Jäger eine Hirsch- oder Gamsleber. Das Leben auf verschiedenen Alpen fordert einiges an Anpassungsfähigkeit an sehr unterschiedliche Gegebenheiten. Das macht es so reizvoll.

Wenn ich in den ersten Jahren nach den dortigen Alpsommern diese meine erste Alp besuchte, hatte ich immer ein Gefühl von Heimkommen.

Gereon Janzing