Probleme und Lösungen > Die Sache mit den NGOs

Manche Personen, die nie gelernt haben, in kybernetischen Systemzusammenhängen zu denken, stellen beim Thema Weide und Biodiversität Naturschutz-NGOs in den Vordergrund. Aber nein, dieses eindimensionale Denken ist eines intelligenten Menschen unwürdig.
Hier erkläre ich – als Mitglied des Welthirtenforums – das Thema mit einer gewissen Expertise dank einem ökologisch-naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Universitätsstudium, dank Forschungen während praktischer Tätigkeiten und dank Austausch mit vielen anderen in der Weidewirtschaft tätigen Menschen, auch in fernen Erdengegenden.
Vorweg: In der arbeitsteiligen Gesellschaft gibt es viele wertvolle Tätigkeiten wie Feuerwehr, Weberei, Dachdeckerei, Fremdsprachenunterricht, Schiffsbau oder Hirtentum. Gegenseitige Wertschätzung und Solidarität sind Tragpfeiler der Gesellschaft. Wann hört man je Lob von NGOs für die arbeitende Bevölkerung?
Eine der faszinierenden Seiten der Weidewirtschaft ist, dass wir hautnah erleben, dass die Menschen auch im ökologischen Bereich nicht nur zerstören, sondern auch Wertvolles schaffen: Ökosysteme großer Biodiversität – natürlich in Abhängigkeit von der Beweidungsintensität und von anderen ökologisch relevanten Faktoren. Und das nicht mit almosenfinanziertem NGO-Showbusiness, sondern mit produktiver Arbeit, die die Menschen satt macht. Der Mensch als integraler Teil des Ökosystems! Großartig! Deshalb sind ein positives Menschenbild und die Weidewirtschaft gute Partner.
Unproduktive Pflegeprojekte von NGOs können in kleinem Stil sinnvoll sein, etwa zu Forschungszwecken. Aber in großem Stil kann Landschaftspflege nur mit Nutzung geschehen. Sonst vergeuden wir das Potenzial der Flächen und müssen das Essen aus engen Ställen oder aus dem Chemielabor bekommen – oder aber aus den Mercosur-Staaten importieren. Und das ist sicher nicht der Sinn der Weidehaltung.
NGOs sind vom Ursprung her als Nicht-Regierungs-Organisationen zu verstehen. Heute sind viele von ihnen mit Regierungen und/oder politischen Parteien verflochten, was zunehmende Fokussierung auf den Import von Lebensmitteln und anderen Produkten bedeutet. Oft haben sie eine gewisse Macht und vertreten zunehmend die empathielose Ellenbogengesellschaft. Und das bedeutet: „Divide et impera!“ „Teile und Herrsche!“ Wollen wir so eine von oben aufgedrückte Spaltung der Menschen?

Besorgniserregend finde ich, dass die Natur- und Umweltschutzbewegungen zunehmend von misanthropischem Gedankengut beherrscht werden. Von denjenigen, mit denen ich im praktischen Naturschutz aktiv war und Zehntausende Erdkröten und Grasfrösche vor dem Straßentod rettete, kenne ich das weniger. (Von NGOs propagierte Herdenschutzzäune, in denen Amphibien qualvoll verenden, gab es damals noch nicht.) Der Kampf gegen das Atomkraftwerk Wyhl war bei sehr unterschiedlichen Beweggründen von gutem menschlichem Miteinander geprägt. Es sind eher die entfremdeten Büro-Naturschützer, die weniger für die Natur als gegen die Menschen und gegen das solidarische Miteinander kämpfen. Immer mehr tut sich innerhalb vieler NGOs ein Graben auf zwischen den Ehrenamtlichen, die mit Liebe und Engagement die ganze Arbeit machen, und den Hauptamtlichen, die das Geld und die gesellschaftliche Anerkennung einsacken und keine Wertschätzung für ihre Mitmenschen zeigen, denen sie ihren Wohlstand verdanken.
Viele NGOs wurden einst mit Idealen gegründet, aber mit der Zeit werden sie oft zum Selbstzweck, sie müssen, um ihre Existenz zu rechtfertigen, Probleme vorweisen und ertragen es daher gar nicht, wenn andere Menschen Lösungen bieten. Selbst das Internationale Jahr des Weidelandes und der Hirten wollen selbstherrliche Gruppen wie der NABU und die Global Landgrabbing Alliance, pardon, Global Rewilding Alliance an sich reißen, um es ja nicht den Hirten zu überlassen. Wenn Hirten zu viel wissen, sind sie ohnehin unerwünscht.
Warum zahlen Menschen Almosen an Natur- und Umweltschutz-NGOs? Ist das ein Ablasshandel für Umweltsünden? Warum dann nicht das Geld lieber ergebnisorientiert für Bioprodukte und Weideprodukte ausgeben? Das ist effizienter und zukunftsträchtiger.
Das heißt nicht, dass die Zusammenarbeit mit NGOs prinzipiell abzulehnen wäre. Abzulehnen ist es, sich als arbeitender Mensch ihnen unterzuordnen. Zusammenarbeit ergibt nur Sinn mit Menschen, die ihren Partnern auf Augenhöhe begegnen. Viele NGOs behandeln andere von oben herab. Der NABU und die Global Rewilding Alliance erklären vom Büro aus den Hirten die Natur. Sie erklären der arbeitenden Bevölkerung die Arbeit. So eine Arroganz macht kein Mensch mit Würde mit. Oft tun sich NGOs schwer mit Kritik, sie schlüpfen schnell in die Opferrolle: Wie kann man es nur wagen, sie zu kritisieren?
Wenn NGOs wirklich an Naturschutz und Tierwohl interessiert sind, fragen sie Hirten um Rat (wobei wir beim Wort „Hirten“ nicht nur an hellhäutige Männer denken dürfen, sie können ebenso gut weiblich und dunkelhäutig sein). Warum tun sie das für gewöhnlich nicht? Offensichtlich wissen sie deren großen Erfahrungsschatz gar nicht wertzuschätzen.

Die Pastoralisten zeigen, wie Empathie für Tiere geht. Sie richten ihr Leben nach den Bedürfnissen der Herden. Nicht zu vergleichen mit Zoos oder gar engen Schweineställen und Lebenshöfen, wo die Bedürfnisse der Menschen ganz massiv im Vordergrund stehen und die Tiere keine Entscheidungsfreiheit haben. Natürlich haben Hirten auch ihren Nutzen von den Tieren. Das ist eine seit 10.000 Jahren bewährte Symbiose zu beidseitigem Nutzen.
Ende des letzten Jahrtausends standen BUND und NABU noch hinter der kleinstrukturierten Landwirtschaft und der Weidewirtschaft. Heute dagegen wartet man vergeblich, dass sie zum Kauf von Lammfleisch aus Wanderschafhaltung aufrufen, dass sie zur Rücksicht auf Weidetiere aufrufen, dass sie die Vereinnahmung des Klimaschutzes durch die Imitateindustrie kritisieren und den Hirten den wohlverdienten ökologischen Ruhmeskranz winden. Eher wollen sie verhindern, dass andere die Natur und die Umwelt schützen, weil sie das als ihr Privileg sehen. So werden wirtschaftliche Aktivität und Naturschutz immer mehr separiert, Menschen und Natur immer mehr separiert. Dadurch wird die Landwirtschaft zwangsläufig intensiver. Für extensive Produktion brauchen wir Flächen. Und deren Pflege geschieht nachhaltiger durch erfahrene Hirten als durch NGOs.
Symptomatisch für die Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitmenschen ist die unkritische Verklärung des Wolfes durch etliche NGOs, selbst dort, wo sein Bestand jegliche ökologische Tragfähigkeit bereits weit übersteigt. Bekanntlich ist der Wolf das Symboltier derjenigen, die ein Rachebedürfnis an der Menschheit verspüren. Mit einem emblematischen Tier lässt sich leicht die Bevölkerung zum Spenden verführen, denn wer nichts von ökologischen Beziehungsgefügen versteht, ist empfänglich dafür, wenn eine auffällige Art ins Zentrum der Biodiversitätsdebatte gestellt wird. Ökologisch unbedarfte Laien lassen sich durch den kompetent klingenden Fachausdruck „Spitzenprädator“ blenden, weil sie nicht wissen, dass es sich um ein Konzept der Wildnis handelt, das für die menschlich geprägte Kulturlandschaft nur demagogisch zu nutzen ist. Natürlich macht die eine Art Wolf keine Biodiversität. Bei ihrem Überhandnehmen kann sie die Weidewirtschaft zugrunde richten (und mit ihr die Biodiversität), was den NGOs, die auf der Suche nach Flächen sind, nutzt. Warum wohl schickt der NABU zum Hirtenjahr nicht Personen mit Interesse an Weidewirtschaft, sondern ausgerechnet die unter Hirten verhasste Wolfsreferentin, die dafür bekannt ist, an Veranstaltungen zum Thema Weidewirtschaft teilzunehmen, nur um zu stören? Das verrät viel über die versteckte Agenda. Wenn ein Schäfer nach dem anderen wegen Rissen verzweifelt aufgibt, zeigen diese Sesselhocker keinerlei Empathie, ganz im Gegenteil, sie verhöhnen die Opfer. Es stört sie gar nicht, dass Schäfer zu psychischen Wracks werden und dass die Erhaltung des Genpools der Extensivrassen auf dem Spiel steht. Da mangelt es gar gewaltig an sozialer Kompetenz. Ist es ein Wunder, dass der NABU für sehr viele Hirten zum Feindbild Nr. 1 geworden ist?
Das Rewilding-Business leugnet den Wert der menschengemachten (Fachausdruck: anthropogenen) Ökosysteme und will sogar ökologisch wertvolle Weidelandschaften gewaltsam in (spendenstrategisch definierte) Wildnis verwandeln! Aus Hass auf die Mitmenschen und um des schnöden Mammons willen. Jawohl, ich genieße die Wildnis. Ich freue mich, wenn ich wilde Rentiere sehe, wenn ich an brütenden Blaufußtölpeln vorbeikomme, wenn ich im Regenwald Baumfarne sehe, wenn ich vom Schiff aus einen Katzenhai erblicke, wenn mir beim Tauchen ein Schwarm Barracudas begegnet, wenn ich im Baumheide-Lorbeer-Wald eine Kanarenglockenblume finde. Das ist Wildnis, kein der Natur aufgedrücktes Rewilding. Wer mit der Materie vertraut ist, weiß, dass Rewilding ein Euphemismus für Landgrabbing ist.
In der Sondersprache der Rewilding-NGOs heißt „Biodiversität“ so viel wie „einzelne auffällige Arten“. In der Ökologie bedeutet Biodiversität Vielfalt an Arten, genetische Vielfalt bei den Nutztieren und Vielfalt an Ökosystemen. Dazu gehören außer den Ökosystemen der Wildnis auch diejenigen der Kulturlandschaft. Diese Letzteren brauchen keine aufgezwungene „Bereicherung“ durch einzelne symbolträchtige Säugetierarten. Zwei Antilopenarten, die von der Global Rewilding Alliance ausgesetzt werden, stören vielleicht nicht, machen aber noch keine Biodiversität. Zur Biodiversität gehört eine Vielfalt an Geophyten, Hemikryptophyten, dornigen Phanerophyten, Schmetterlingen, Wildbienen, Heuschrecken, Springschwänzen, Fadenwürmern, Vögeln, Flechten und vielen anderen. Diese Vielfalt schaffen wir mit der Weidewirtschaft. Liebe Rewilding-Profiteure, könnt ihr euch nicht besser beschäftigen als mit der Zerstörung dessen, was die naturverbundenen Nahrungserzeuger in Generationen mit viel Einsatz geschaffen haben? Wenn ihr von einer Welt ohne Menschen träumt, warum macht ihr dann nicht mit euch den Anfang? Ich teile nicht euren Hass auf die Menschen.

Bei Leuten, die widerwillig einen ungeliebten Bürojob machen, ecken Engagement und Freude an der Arbeit oftmals an, wie nicht nur ich es bei Aktion Agrar e. V. erleben musste. Da unsere Berichte aus der Hirtenwelt zu einem Blick auf die Realität jenseits der Komfortzone aufforderten, reagierten diese Leute unverschämt und verleumderisch. Man sollte denken, sie hätten gemeinsame Ziele mit Biobauern und Hirten. Doch für diesen Verein ist die Landwirtschaft keine mit Freude assoziierte Tätigkeit, sondern ein reines Theoriegebäude, mit dem man sich nur beschäftigt, soweit es Geld dafür gibt. Für uns ist die Weidewirtschaft eine reale liebenswerte Tätigkeit im Einklang mit Natur und Mitmenschen. Man sieht es als das eigene Leben, als eine süchtig machende Tätigkeit, als eine wertvolle Auseinandersetzung mit der Eigenart der Tiere. Dass dieser emotionale Bezug den Schreibtischträumern fremd ist, liegt auf der Hand. Aber dass unsere Berichte aus der Realität sie aggressiv machen? Verträumte wohlstandsverwahrloste Konsumbürger, die nie ihre Komfortzone verlassen haben, die das Essen nur aus dem Supermarkt kennen und überhaupt keinen Bezug zur Arbeitswelt haben, haben offenbar panische Angst, mit der Realität jenseits ihrer Träume konfrontiert zu werden.
Warum erzählen uns die misanthropischsten Vereinigungen, wir sollten gewisse Länder aus ethischen Gründen nicht besuchen? Schadet es ihrer Agenda, wenn wir erleben, dass es überall auf der Erde Massen an netten Menschen gibt? Nationale Spaltung ist eine beliebte Methode des „Teile und herrsche“. Ich mache auf Reisen überall immer wieder viele schöne Erfahrungen mit Menschen und habe darüber auch schon Zeitschriftenartikel geschrieben. Das erfordert ein Verlassen der Komfortzone und eine Bereitschaft, sich auf fremde Kulturen einzulassen, die Menschen wahrzunehmen. Wir Hirten brauchen dringend mehr internationale Solidarität!

Wenn ich als Teil der Natur mit einer Ziegenherde durch die Berge ziehe, habe ich das Gefühl, alle Menschen lieben uns Hirten, selbst wenn sie nicht wissen, dass sie die Erholungslandschaft mit ihrer Biodiversität unseren Herden und uns verdanken. Wenn ich Weideprodukte, insbesondere Käse, verkaufe, habe ich das Gefühl, alle Menschen lieben unsere Produkte und uns, selbst wenn sie nicht wissen, dass sie mit dem Kauf die Biodiversität unterstützen. Da bekommt man Dinge gesagt wie: „Sie sind ein toller Mann! Wenn ich nicht schon einen hätte …“ In den Bergen durfte ich als „unser Käser“ gratis mit der Seilbahn fahren. So eine Anerkennung erarbeitet man sich redlich mit konstruktiver Arbeit und mit positivem Zugehen auf die Mitmenschen. Die Begeisterung unserer Kunden, wenn ich sie in einem norwegischen Käsereicafé in ihrer italienischen oder katalanischen Muttersprache anspreche, ist für mich ein willkommener Lohn für den Fleiß beim Sprachenlernen.
Wenn die NGOs ihre Hochnäsigkeit aufgeben, anderen mit Wertschätzung begegnen und sich konstruktiv in die Gesellschaft integrieren, ist die Zusammenarbeit mit ihnen möglich.
Gereon Janzing
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